Intensiv-Wochenende am 12./13. Januar

 

Das Jahr begann mit einem Intensiv-Wochenende. Wir waren zehn Personen. Die wesentlichen Inhalte des Workshops waren, musikalische Grundbegriffe zu vertiefen, Noten (besser) lesen und schreiben zu lernen, Notenwerte und Rhythmen notieren zu lernen und selbst musikalische Ideen zu entwickeln. Im Lauf der folgenden Wochen sollten dann Grundlagen zu möglichen Formen eines Stücks besprochen werden, um einfache Arrangements zu probieren. Aus Liedern, Melodien, Rhythmen und allen Ideen, die in der Gruppe aufkommen, sollten selbst Musikstücke entwickelt werden, die im Laufe der Zeit arrangiert und gemeinsam aufgeführt werden könnten. Dies ist durchaus ein hoher Anspruch, der sich nach wenigen Workshoptreffen nicht von allen Teilnehmern realisieren lässt. Die Motivation, hier weiterzukommen, war und ist sehr hoch, und es folgen Beispiele, was in dieser Zeit entstanden ist.

19. Januar bis 29. März

 

Wir trafen uns nun wöchentlich für drei Stunden. Wir übten Intervalle und Tonleitern. Da viele Teilnehmer vor allem melodisch denken, wollten wir Dozenten zunächst verschiedene Tonleitern zeigen, aus denen dann Melodien gebildet werden können. Ich spielte auf dem Klavier alle Tonleitern, die sich von der Dur-Tonleiter ableiten lassen: Dur (ionisch), dorisch, phrygisch, lydisch, mixolydisch, äolisch und lokrisch. Um diese anschaulich darzustellen, improvisierte ich jeweils Beispiele, die den typischen Sound der jeweiligen Skala zeigten.

 

Europäische Musikerziehung betont zumeist die Dur-Tonleiter und die natürliche Moll- Tonleiter. Orientalische Musikerziehung betont vor allem die harmonische Moll-Tonleiter, die natürliche (äolische) Moll-Tonleiter und Kurd, den kurdischen Modus, der auch als die phrygische Skala bekannt ist. Moll-Tonarten sind häufiger und vielfältiger als das Dur.

 

Daher wählte ich eine Moll-Skala, die den bekannteren Skalen ähnlich und dennoch für alle relativ neu ist: die dorische Tonleiter. Sie erscheint auf der zweiten Stufe der Dur-Tonleiter. Das Besondere an der dorischen Tonleiter ist, dass sie die große Sexte enthält. Auf dem Klavier ist die Skala einfach zu erklären: spiele die weißen Tasten von Re (D) bis Re (D ́). Die reine Molltonleiter hätte den Ton B (si bémol) statt H (si).

Arabische Melodie in dorisch

Sam fiel spontan eine arabische Melodie ein, die diese Skala verwendet. Dies ist in arabischer Musik relativ ungewöhnlich und passte hervorragend. Sam spielte erst die dorische Tonleiter, dann hier die Melodie von “Tag und Nacht”:

 

Die Aufgabe für das nächste Treffen war, eine eigene Melodie in der dorischen Skala zu schreiben. Dies ist eine schwerere Aufgabe, als es auf den ersten Blick erscheint. Innerhalb der nächsten Wochen brachten fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer eigene Ideen mit, die sie selbst notiert hatten. Es ist beeindruckend, wie interessant diese musikalischen Ideen sind, wie unterschiedlich sie klingen und welche Strategien angewandt wurden, um diese Aufgabe zu lösen.

 

Hier folgen Beispiele:

 

Dorische Melodie von Hamoudi

Dies war die einzige Melodie, die bereits in der ersten Woche fertig war. Sie besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil enthält eine Melodie, die in tieferer Lage wiederholt wird. Hier verwendet Hamoudi nur die vertrauten ersten fünf Töne der Moll-Tonleiter. Der dritte Teil geht vom Grundton hinunter zum H (si), der dorischen Sexte, und wirkt wie ein Refrain. Wir übten sie in Solmisation und arbeiteten an der Notation.

 

Dorische Melodie von Sami

Sami spielt seine Melodie. Sie ist von der Art her den orientalischen Melodien ähnlich, die vor allem ein melodisches Motiv verwenden und dieses sequenzieren.

Dorische Melodie von Trees

“Ich wollte bewusst etwas schreiben, das diese Skala verwendet und nicht orientalisch klingt” (Trees). Dies ist absolut gelungen. Die Melodieführung und die rhythmischen Elemente sind originell. Die Gruppe singt das Lied hier in Solmisation.

Wir notierten die Melodie und stellten fest, dass die Betonungen sehr unterschiedlich aufgefasst werden können. Trees hatte die Melodie mit einem Rhythmus im 4/4-Takt versehen. Die Phrasen sind aber unterschiedlich lang und es könnten verschiedene Metren verwendet werden. Wir haben ein rhythmisches Experiment gemacht. Hier spielen wir einen arabischen Rhythmus, der ganz anders ist als der von Trees verwendete. Er ist auch im 4/4-Takt.

Deniz schrieb ihre Melodie in dorisch.

Mustafa schrieb seine Melodie der äolischen Skala, nicht in dorisch. Für ihn ist Notation neu. Er hatte die Melodie so aufgeschrieben, dass ich verstehen konnte, was gemeint war. In einem Entwurf sah das dann so aus:

Wir schauen uns die Noten gemeinsam an. Konzentriert sind wir gemeinsam noch einmal auf die Besonderheiten seiner Melodie eingegangen.

 

 

 

Hier zeige ich, was Mustafa notiert hatte.

 

Alle Teilnehmer bemerkten, dass die Notation von Tonhöhen wesentlich leichter ist als die Notation von Notenwerten.

Jetzt war ein guter Zeitpunkt, einfache Notenwerte zu besprechen und zu üben. Hier stehen die Notenwerte an der Tafel und die Gruppe klatschte den unten stehenden Rhythmus, Matthäus spielt dazu Darbuka. Dies ist der erste Teil von Hamoudis Melodie.

 

Fertig notiert sieht die Melodie dann so aus:

Ende März wirkten wir bei der Kulturwoche Bettenhausen mit. Wir gaben Einblicke in den Workshop und trugen einige Beispiele unserer Arbeit im Sanderhaus vor.

Auch in der lydischen Skala wurde eine eigene Idee komponiert, die die Gruppe hier spielt und in Solmisation singt:

Sam schlug einen komplexen Rhythmus vor, mit dem wir diese Melodie begleiteten:

Ausblick 

 

Das eigene Material ist so vielfältig, dass die Gruppe noch lange Zeit weiterarbeiten könnte, um diese Ideen zu Arrangements zu entwickeln.

 

Improvisation ist ein wesentlicher Schlüssel, flexibel mit Ideen umgehen zu können. Die meisten Teilnehmer haben Erfahrung mit Improvisation. Im Workshop zeigte sich, dass bei den sehr verschiedenen Hintergründen und Niveaus viel voneinander gelernt werden kann. Alle Teilnehmer haben in diesen Monaten ihr eigenes Musikverständnis erweitert und viel Neues dazugelernt. Es waren immer wieder Gäste dabei, darunter einige aus anderen Städten.

 

Musik wird vom Leitungsteam als eine starke Fähigkeit zur Kommunikation empfunden und vermittelt, als gemeinsame Sprache verschiedener Kulturen. Dies wurde auch von allen Teilnehmern verstanden und begrüßt. Ein nächster inhaltlicher Schritt war, die eigenen Ideen einfach zu arrangieren, ein einfaches Lead Sheet zu gestalten und über Formen, Begleitungen, Kontraste sowie harmonische und rhythmische Möglichkeiten zu sprechen. Wir empfinden diesen Workshop als ein wichtiges gesellschaftliches Experiment mit sehr viel Potenzial.

 

Dazu an dieser Stelle ein Statement von Trees:

"Workshop Interkulturelle Musiktheorie und -praxis

Durch den befreundeten Geiger Sam Munzer aus Syrien erfuhr ich vom Workshop Interkulturelle Musiktheorie und -praxis.

Ich bin begeistert von der Möglichkeit, an diesem dreimonatigen Workshop teilzunehmen. Ich war viele Jahre als Sängerin aktiv in den Bereichen Jazz, Pop, Rock und Fusion, in unterschiedlichen Zusammenhängen. Nach einer längeren Pause kehre ich nun zu meiner größten Passion Musik zurück. Ich schreibe und komponiere auch selbst Songs. Der Workhop bietet mir einen hervorragenden Zugang zu denjenigen Themen der Musiktheorie, die ich noch nicht wirklich vertieft hatte und die ich jetzt wunderbar mit meinem bisherigen Wissen und meiner Erfahrung verbinden kann.

Ursel Schlichts Konzept ermöglicht eine sehr praktische, spielerische Anwendung und Umsetzung des jeweiligen substanziellen Inputs, der außerdem gezielt international ausgerichtet ist. Was ich besonders schätze, ist die Begegnung mit den Teilnehmern, die, teils als Flüchtlinge, aus dem arabischen Raum nach Deutschland gekommen sind. Ich selbst bin Niederländerin und lebe schon recht lange in Kassel. Es macht sehr viel Freude, diese Menschen und ebenso ihre orientalischen Instrumente kennenzulernen.

Das gemeinsame Zuhören, Nachdenken, Erforschen und Musizieren macht einen Riesenspaß, und hier wird mal wieder klar: Es ist die persönliche Begegnung, die Qualität der persönlichen Begegnung, die darüber entscheidet, wie ich einen Menschen wahrnehme, erlebe und verstehe.

Ich bin sehr dankbar, dass ich beim Workshop dabei sein kann, weil da sogenannte Grenzen vollkommen überwunden werden und wir uns alle miteinander freuen über das, was wir machen und lernen."

Trees Wienck